Die Meere sind leergefischt, Fischarten drohen auszusterben. Fast täglich brechen solche Negativmeldungen über uns herein und beunruhigen die Konsumenten. Zumal ihnen einige Umweltverbände deshalb raten, weniger Fisch zu essen.
Der Handel reagiert verstört und räumt die vermeintlich bedrohten Arten aus Theken und Regalen. Manchmal voreilig, denn selbst der kritisch beäugte Kabeljau kann absolut unbedenklich sein, wenn er aus gesunden Beständen und nachhaltiger Fischerei stammt, wie sie in Norwegen praktiziert wird.
Die Fischindustrie ist die wirtschaftliche Basis sehr vieler Küstenorte in Norwegen. Fischerei, Aquakultur und Fischverarbeitung bieten über 30 000 Menschen Arbeit und Einkommen. Mit einem Exportwert von jährlich 3,5 Mrd. Euro gehört die Seafoodindustrie zu den wichtigsten Exportbranchen des Landes. Die enorme wirtschaftliche und soziale Bedeutung der Fischerei erklärt, warum Norwegen so großen Wert darauf legt, seine lebenden marinen Ressourcen innerhalb sicherer biologischer Grenzen zu halten und nachhaltig zu nutzen.
Norwegens Fischereimanagement ist darauf ausgerichtet, nur soviel Fisch zu entnehmen, dass die Bestände sich schnell wieder auffüllen können und die Fischerei auch morgen und übermorgen gesichert ist. So wie es das UN Fish Stocks Agreement von 1995 und der FAO Code of Conduct for Responsible Fisheries aus dem Jahre 1995 fordern. Darum bemühen sich zwar auch andere Staaten, aber längst nicht alle mit solch überzeugendem Erfolg wie Norwegen. Erst kürzlich haben die Universitäten von British Columbia und Rio Grande sowie der WWF bei einem Ranking zur verantwortungsvollen Fischerei Norwegen auf den ersten Platz gesetzt vor USA, Kanada, Australien und Island.
Grundlage dieses Erfolgs ist auch der Ökosystemansatz beim Fischereimanagement. Über Jahrzehnte wurden die Fischbestände als einzelne Arten separat gemanagt. Ein Verfahren, das jedoch Unzulänglichkeiten in sich birgt, weil es Wechselwirkungen zwischen den Arten und den Einfluss von Umweltfaktoren nicht genügend berücksichtigt. Heute versucht Norwegens Fischereimanagement, die Konsequenzen der Fischerei für das gesamte Ökosystem zu beachten. Es geht also nicht allein um die befischten Arten, sondern auch um den Schutz der Umwelt und der anderen Lebewesen in den Meeren. Ein ebenso komplexer wie komplizierter Ansatz, der aber zunehmend von Erfolg gekrönt ist.
Hering und Makrele jetzt auch MSC-zertifiziert
Ende April haben drei große pelagische Fischereien ihre MSC-Zertifizierung erhalten: der norwegische frühjahrslaichende Hering, der norwegische Nordsee- und Skagerrak-Hering und die pelagische Schleppnetz-, Ringwaden- und Handleinenfischerei auf die nordöstliche Makrele. „Die Zertifizierung dieser drei Arten ist wichtig für uns, weil die Kunden gezielt nach nachhaltig gefischten Produkten fragen", meint Knut Torgnes vom Norges Sildesalgslag, der Verkaufsorganisation der Norwegischen Fischer für pelagischen Fisch. „Ebenso wichtig ist sie für unsere Fischer, weil sie dadurch größere Sicherheit im Hinblick auf die Ressourcen haben." Zusammen repräsentieren die zertifizierten Fischereien eine jährliche Fangmenge von weit über eine Million Tonnen Fisch.
Der Hauptteil der norwegischen Fänge wird in der eigenen Wirtschaftszone (EEZ) getätigt. Zusammen mit den Fischereischutzzonen um Spitzbergen und Jan Mayen beläuft sich das Seegebiet, das unter norwegische Rechtssprechung fällt, auf 2 Millionen Quadratkilometer. Sechs mal mehr als die Festlandsfläche des Landes. Die Mehrzahl der Fischbestände, die Norwegen befischt, teilt sich das Land mit anderen Nationen. Das Management dieser Bestände erfordert deshalb internationale Zusammenarbeit. Norwegen hat mit seinen Nachbarstaaten entsprechende Verträge ausgehandelt. Man trifft sich regelmäßig, um über die Managementstrategien zu beraten und die Aufteilung der Fangquoten festzulegen. Die wichtigsten Vertragspartner sind dabei die EU und Russland. Im Rahmen der Norwegisch-Russischen Fischereikommission werden schon seit den 70er Jahren wichtige Details der Fischerei in der Barentssee ausgehandelt. Zum beiderseitigen Nutzen und mit wachsendem Erfolg, wie aktuelle Bestandsentwicklungen beweisen.
Fangquoten 2009 in der Barentssee deutlich erhöht
„Der Status der Fischbestände in der Barentssee ist sehr erfreulich", stellt Helga Pedersen, Norwegens Ministerin für Fischerei und Küstenangelegenheiten, fest. „Wir sehen, dass sich unsere dauerhafte Zusammenarbeit mit Russland beim verantwortungsvollen Management, in der Forschung und bei der Fischereikontrolle auszahlt."
Der Arktische Kabeljaubestand der Barentssee hat so stark zugenommen, dass die Quote für 2009 auf 525.000 t heraufgesetzt werden konnte. Zusammen mit dem Küstenkabeljau, von dem 21.000 t gefangen werden dürfen, liegt die Gesamtquote also bei 546.000 t. Das sind 95.000 t mehr als 2008! Da die Gesamtfangquote im gleichen Verhältnis wie in den Vorjahren zwischen Norwegen, Russland und Drittstaaten aufgeteilt wird, entfallen davon auf die norwegische Fischerei 234.100 t, eine Erhöhung um 40.000 t gegenüber 2008.
Auch die Schellfischbestände haben sich sehr gut entwickelt, so dass die Fangquote von 155.000 t im Jahr 2008 auf 194.000 t in 2009 angehoben werden konnte. Bei dieser Fischart beläuft sich die anteilige norwegische Quote auf 93.050 t, 16.500 t mahr als 2008.
Sogar die Capelin-Fischerei (Mallotus villosus), die seit 2003 geschlossen war, darf 2009 wieder betrieben werden. 390.000 t dieser Fischart, die zwar als Speisefisch keine große Rolle spielt, aber als Nahrung für den Kabeljau höchst bedeutsam ist, können nach Meinung der Fischereiforscher entnommen werden, ohne die Stabilität des Ökosystems zu gefährden.
Die konsequente Umsetzung des Nachhaltigkeitsprinzips in der Fischerei lohnt sich sowohl für die Fischbestände als auch für Norwegens Fischerei. Allein die Quotenerhöhungen bei Kabeljau, Schellfisch und die Wiedereröffnung der Capelin-Fischerei repräsentieren einen Anlandungswert von 120 bis 180 Mio. Euro. Größere Fangmengen sichern Beschäftigung und stabilisieren die Rohstoffversorgung der Fischindustrie.